30 Jahre

Grenzenlos – Über einen Aspekt der Geschichte des Filmbüros

Programmheft der deutschen Filmwoche in Kyrgyzstan 1995

Anfang Mai 1995 fuhr ich mitten in der Nacht mit einem Kollegen des Kyrgysischen Filmverbands von Bischkek ins kasachische Almaty, um die Regisseurinnen Ingrid Hessedenz aus Saarbrücken und Brigitte Krause aus Hamburg abzuholen. Leider verpasste ich sie dort am Flughafen, da ich nichts von dem zweiten Terminal wusste, an dem sie angekommen waren. Ingrid sollte ihren aktuellen Dokumentarfilm „Beruf: Hure“ in Zentralasien zeigen – ein nicht uninteressantes Unterfangen in eigentlich muslimischen Ländern, Brigitte ein Seminar über die föderale Filmförderung in Deutschland geben. 15 Jahre später sollte sie den von der Saarland Medien geförderten Dokumentarfilm „Feinde | Brüder“ realisieren, der u.a. im Saarland und in Japan gedreht wurde. Beide wurden, da ich sie am Flughafen nicht gefunden hatte und unverrichteter Dinge wieder nach Kyrgyzstan zurückfuhr, von Laurenti Son, einem koreanischen Filmproduzenten in Kasachstan, abgeholt, und sie konnten Gott sei Dank bei ihm übernachten. Laurenti wiederum kam 7 Jahre später nach Ville-sur-Yron auf das ethnologische Filmfestival „Camera des Champs“ in Lothringen und gewann mit seinem Film „Der Lehrer“ einen der Hauptpreise. Und der Regisseur Jürgen Rudow, ein Freund Sons, der auch in Bischkek in unserer Delegation dabei war, hielt 2 Jahre später auf dem SaarLorLux Film- und Videofestival 1997 eine Laudatio auf Marceline Loridan-Ivens, die Ehrengast des Festivals war.

Die Geschichte des Filmbüros ist von Beginn an verknüpft mit dem kulturellen Austausch aus der Region in die weite Welt, und viceversa. Wir haben ständig nahe und ferne Grenzen überschritten, nicht erst die zwischen Land und Wasser mit den Schiffen von Cinéfleuve, dem Festival, das auf das SaarLorLux Film- und Videofestival folgte und mit „Feuer und Stahl“ vor drei Jahren; Schiffe, die mit uns und unseren Gästen auf Mosel, Saar und Maas (und Rhein!) den natürlichen Grenzen, und nicht den staatlichen folgten.

Von West nach Nordwest, nach Ost und von Südost nach West zurück

Das SaarLorLux Film und Videofestival (1990 – 2002), das schon bald nach dem Start – wie auch andere Projekte des Filmbüros – das Elsass mit einbezog, erweiterte seinen Horizont und den der Besucher schon bald jährlich um eine Partnerregion: So kamen Filme und Filmemacher aus Piemont, der Barentsregion (Nordnorwegen, Nordschweden, Nordfinnland und Nordrussland), aus Wales, aus Schlesien, aus dem Baskenland und aus Bosnien-Herzegowina nach Saarbrücken, und manchmal auch nach Nancy. Über die Mitarbeit in der Coordination of European Film Festivals erweiterte sich diese europäische Orientierung immer wieder schwerpunktmäßig in den Osten: 2001 nahmen an einer Konferenz mit ost- und westeuropäischen Filmfestivals in Saarbrücken Mitarbeiter von Festivals aus der Ukraine, aus Lettland, Polen, der Slowakei, Rumänien, Weißrussland und der Russischen Föderation – und aus Belgien, Luxembourg, Frankreich, Schweden und Deutschland teil. Dieses Seminar wurde dann 2002 – logischerweise – in St. Petersburg fortgesetzt.

Aber natürlich kamen auch unsere oben erwähnten Kolleginnen und Kollegen aus Zentralasien ins Saarland. So fanden Kyrgysische und Turkmenische Filmtage in Saarbrücken und St. Ingbert statt, was wiederum österreichische Gäste hierher lockte, die über ein geplantes Filmstudio in Aschchabad, der turkmenischen Hauptstadt, mit unseren Gästen verhandeln wollten.

Wir beschäftigten uns in den 1990ern aber auch über ein Jahr damit, zusammen mit der Universität Metz einen französisch-deutschen Aufbaustudiengang in Visueller Anthropologie zu planen, der dann auf deutscher Seite nicht umsetzbar war. Wir beteiligten uns Mitte der 1990er mit SaarLorLux-Auswahlprogrammen auf dem Message to Man Festival in St. Petersburg. 1992 und 2002 stellten wir zusammen mit den dortigen Festivalleitern russische Filmfestivals in Saarbrücken und Nancy vor. Und ich durfte Cinéfleuve 2003 in Moskau auf dem „MasterFest – Fortbildungsseminar für die Leiter der regionalen Filmfestivals der Russischen Föderation“ unter dem Weg weisenden Titel „Cinéfleuve/Kino im Fluss: Vereinigtes Europa – vereinigte Filmfestivals“ vorstellen. Immer ging es um das Verbindende, das Vergleichbare, die verwandten Strukturen, die Kommunikation über Regionen, Staaten und Grenzen.

235 junge Preisträger

Seit 2007 geriet immer mehr die medien- und filmpädagogische Arbeit in den Mittelpunkt. Seit dem Start von „Créajeune“ 2008, das sich mit inzwischen 235 jungen Preisträgern und der mittlerweile 10. Ausgabe zu einem dynamischen und unverzichtbaren Wettbewerb für Kinder, Jugendliche (ab 2011 auch für junge Erwachsene) entwickelt hat, kamen zahlreiche weitere Filmworkshops und Video-Arbeitsgruppen an Schulen hinzu.

Mit unserem luxemburgischen Partner Service National de la Jeunesse stellten wir Créajeune als europäisches Projekt auf der Konferenz „Städte für Europa“ 2012 in Berlin vor, und ebenfalls in Berlin 2013 konnte ich Créajeune als nachhaltiges Ergebnis der „Europäischen Kulturhauptstadt Luxembourg und die Großregion 2007“ präsentieren.

Gleichzeitiger Schwerpunkt ist seit 2004 die Präsentation von Filmen und deren Produzenten und Regisseuren im Rahmen der Reihe „Interregionale Filmwerkstatt“. Bei diesen Veranstaltungen geht es immer um den Bezug zur Großregion, wobei auch zuweilen lothringische Filme ins Deutsche übersetzt werden mussten. Mit der inzwischen 100. Ausgabe der Filmwerkstatt mit Barbara Trottnows Dokumentarfilm „Eduard Zuckmayer – Ein Musiker in der Türkei“ gab es im Juni des Jubiläumsjahr 2017 einen weiteren Geburtstag.

Und wie geht’s weiter?

Créajeune geht mit der Ausgabe 2017/2018 in die 10. Runde und mit der Organisation von Fachtagungen vermehrt den rezeptiven Fragen von Filmvermittlung und Filmbildung nach. Nach mehreren Seminaren zu Fragen des filmkulturellen Erbes der Großregion (zuletzt 2006 in Nancy) beteiligen wir uns an dem Projekt „Digitale Steine“, bei dem es unter anderem um die Zurverfügungstellung historischer Filmmaterialien zu Bildungszwecken gehen wird.

Flyer für die Zeitschrift „a4“ 1998

Zu Beginn der Kulturellen Filmförderung 1991, die ja Gründungsziel des SFBs war, war das zweite im Saarland geförderte Projekt das einer elsässischen Produktionsfirma. Bei der Herausgabe der Zeitschrift „a4 – Audiovision in SaarLorLux + Alsace“ waren Partner aus Strasbourg von 1998 – 2001 aktiv beteiligt. Durch die Neuordnung der französischen Regionen 2016 wird nun das Elsass mit der Gründung der Grand Est wieder näher rücken.

„Ich würde die Grenzen der Großregion nicht nach administrativen Kriterien ziehen. Es ist eher eine Frage der kulturellen Ausstrahlung. es gibt keine Demarkationslinie, wo die Großregion aufhören und der europäische Raum beginnen würde“, so Claude Bertemes in einer Ausgabe der oben erwähnten „a4“ im Jahr 2000. Das kann ich nur unterstreichen. Gleichzeitig stellt sich natürlich heute die Frage nach der politischen Zukunft der Grande Région (des kleinen Europas?), da parallel auch die Frage nach der politischen Zukunft der EU immer unbeantworteter zu werden scheint.

Jörg Witte, 27.1.2018

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Am 24. März 2017 wurde das Filmbüro 30. Hier sind in der Folge die Veranstaltungen, die Festivals und die Filmwerkstätten aufgelistet, die das Filmbüro seit 1987 durchgeführt hat. Ergänzt durch die Preisträger des SaarLorLux Film- und Videofestivals, des Festivals Kino im Fluss und von Créajeune.